MOIN Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein

Zeit, Bärte, Bock

09.02.2026 | Weltpremiere „Der Heimatlose“ bei der Berlinale 2026

Eine Gruppe von Menschen posiert am Stand  - alle schauen in die gleiche Richtung
Die Dorfgemeinschaft von "Der Heimatlose". Die Szenen am Strand wurde auf Sylt gedreht. © Florian Mag

Mit dem Drama „Der Heimatlose“ schafft Drehbuchautor und Regisseur Kai Stänicke aus dem Stand den Sprung in den Nachwuchswettbewerb der Berlinale 2026. Gedreht wurde sein Langfilmdebüt auf Sylt und Norderney. Mit Bartpflicht und jeder Menge Einfallsreichtum.

Von Daniel Szewczyk

Als Regisseur Kai Stänicke und Produzentin Andrea Schütte sich im Sommer 2017 in einem Berliner Café verabredet hatten, ahnten beide noch nicht, dass sie neun Jahre später gemeinsam einen in jeder Hinsicht außergewöhnlichen Film auf der Berlinale haben würden: „Kai hat mir die Geschichte zu ‚Der Heimatlose‘ gepitcht und ich war wahnsinnig beeindruckt von all seinen Ideen. Es brauchte jedoch sehr viel Vorstellungskraft, um sich das Ganze auf großer Leinwand vorstellen zu können“, sagt die Hamburger Produzentin. Die Geschichte um einen Heimkehrer, der in seinem Dorf von niemandem mehr erkannt wird und in einem Prozess seine Identität nachweisen muss. Eine Kulisse am Strand, die nur aus künstlichen Häuserfassaden besteht. Ein Dreh, der komplett draußen stattfinden sollte. Alles andere als ein einfaches Debütwerk also. Ist das zu wuppen? Andrea Schütte und Dirk Decker waren erstmal vorsichtig und stiegen mit ihrer Firma Tamtam Film nicht in das Projekt ein – blieben jedoch weiterhin mit Stänicke im Austausch.

Zwei Männer stehen sich gegenüber und schauen sich ernst an.
Der Heimkehrer Hein (r.) wird von Paul Boche gespielt. Copyright: Florian Mag

Der Schreibprozess

Entstanden ist die Geschichte aus einem Gefühl heraus, das wohl viele Menschen kennen: „Immer wenn ich damals meine Heimatstadt in NRW besucht habe, hatte ich das Gefühl, dort ein ganz anderes Leben geführt zu haben. Jemand anderes gewesen zu sein. Und dass ich nie wieder zurückkehren könnte in dieses alte Leben“, sagt Regisseur Kai Stänicke, der mittlerweile in Berlin lebt. Der Schreibprozess habe dann mit zahlreichen Treatment-Fassungen mehrere Jahre gedauert – wobei ihm Corona geholfen habe: „Plötzlich stand die ganze Welt still und ich bin öfter zu meinen Eltern gefahren, die einen Bauernhof besitzen. Da habe ich mich dann an die Scheune gesetzt und mit dem Drehbuch angefangen.“

Im Jahr 2023 folgte dann die große Reunion: „Im Sommer stand Kai auf einmal in Hamburg mit seinem Drehbuch vor unserer Tür. Der Heimatlose suchte eine Heimat“, sagt Andrea Schütte und lacht. Die Geschichte war jetzt deutlich ausgefeilter als noch im Jahr 2017, blieb der Grundidee jedoch nach wie vor treu. Dieses Mal war Tamtam an Bord. Und im September 2024 konnten die Dreharbeiten in Norddeutschland beginnen.

Der Dreh auf Sylt und Norderney

„Die große Unbekannte war das Wetter, doch wir hatten für norddeutsche Verhältnisse großes Glück“, sagt Regisseur Stänicke. Die meiste Zeit sei es komplett trocken geblieben. Also beste Voraussetzungen für einen Film, der nur an der frischen Luft gedreht wird. An den sieben Drehtagen auf Sylt konzentrierte sich das Team auf alle Szenen, die am Strand bzw. Meer spielen. Weitere 18 Tage verbrachte die Crew auf Norderney, wo das Dorf für den Film umringt von Dünen aufgebaut wurde.

Um auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein, nutzten Stänicke und seine Crew das Szenenbild auf clevere Art und Weise: „Es stehen im Dorf überall Truhen herum, in die wir wasserabweisende Planen gelegt hatten“, verrät Andrea Schütte. Und diese Planen dann bei Regen so einzusetzen und zu spannen, dass es keine Tonprobleme gab, war eine weitere Meisterleistung des Filmteams. Auch der Weg auf die Inseln war aufgrund der Größe des Casts nicht immer ganz leicht. Im Schnitt befinden sich immerhin rund zwölf Leute vor der Kamera von Florian Mag, der auch schon mehrfach mit dem Oscar-nominierten Filmemacher İlker Çatak zusammengearbeitet hat und an der Hamburg Media School Kamera studierte. Mit Seth Turner (Szenebild) und Stefanie Bieker (Kostüm) sind zwei weitere Hamburger*innen beim Projekt mit dabei.

Ein junger Mann sitzt draußen zwischen Dünen an einem Tisch. Vor im sowie links und rechts neben ihm sitzen weitere Menschen.
Hein muss sich in seinem alten Dorf einem Prozess stellen. © Florian Mag

Männer mit Bärten

Für einen Langdebütfilm liest sich der Cast mehr als eindrucksvoll: So konnte für den Hauptcast Emilia Schüle verpflichtet werden, in weiteren Rollen sind der Hamburger Aaron Hilmer oder auch Jeanette Hain zu sehen. Die Hauptrolle des Heimkehrers übernimmt Paul Boche. Um die Schauspieler*innen von der Geschichte zu überzeugen, brauchte es nur eine Sache: Das Drehbuch. „Ein tolles Setting und eine besondere Welt. Für mich gibt es im deutschen Film aktuell nichts Vergleichbares“, sagt Tamtam-Produzentin Schütte.

Eine junge Frau in altertümlicher Kleidung schaut etwas an
Stephanie Amarell spielt eine der Dorfbewohnerin.

Eine wichtige Grundvoraussetzung für alle Männer im fiktiven Dorf von „Der Heimatlose“: ein Bart im Gesicht. Bereits beim Casting wurde auf diese wichtige Eigenschaft hingewiesen – und auch die Komparsen vor Ort sind um eine anständige Gesichtsbehaarung nicht herumgekommen. Das Motto für den Komparsen-Aufruf lautete sehr passend: „Zeit, Bärte, Bock“. Und am Ende wurden zum Glück genug Männer mit diesen drei Attributen gefunden.

Berlinale 2026

Und jetzt nähert sich eine lange Filmreise langsam dem großen Finale. Nachdem Stänicke viele Jahre an seiner Geschichte festgehalten und sie Stück für Stück feingeschliffen hat, wird das Drama am 13. Februar den Berlinale-Wettbewerb „Perspectives“ eröffnen. Ein großer Erfolg für den jungen Regisseur, der den Anruf mit der Berlinale-Einladung unter der Dusche bekam und sein Glück kaum fassen konnte. Sieht so aus, als hätte der Heimatlose eine neue Heimat gefunden – auf einem der wichtigsten Festivals der Welt.

Spielzeiten Berlinale:

  • 13.02., 18 Uhr, Bluemax Theater

  • 14.02, 15:30 Uhr, Cubix 9

  • 15.02., 21.45 Uhr, Cubix 8

  • 16.02., 13.15 Uhr, Colosseum 1

  • 19.02., 16 Uhr, Bluemax Theater

Credits: Florian Mag
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